In den sozialen Netzwerken und der Presse liest man derzeit viel über die Streikankündigungen der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL) für das Wochenende vom 18. Bis zum 20. Oktober. Gestreikt werden soll bundesweit – und das auch noch ausgerechnet zur Ferienreisezeit. Viele Menschen, die davon betroffen sind, reagieren genervt und verurteilen das Vorgehen der GdL, weil sie vom Streik beeinträchtigt werden – sei es der Weg zur Arbeit, die Urlaubsanreise oder die Fahrt zu einem Fußballspiel. Läuft die GdL tatsächlich „Amok“, wie die Konzernspitze der Deutschen Bahn den Medien mitteilte?

Immer erstmal beide Seiten betrachten: warum streikt die GdL?
Gewerkschaften vertreten die Interessen ihrer Mitglieder. Das sind etwa 17.000 Zugführer*innen und einschließlich der Zugbegleitpersonen etwa 37.000 Beschäftigte (Angabe der GdL). Interessenvertretung heißt, die Mitarbeiter*innen der Deutschen Bahn (DB) gegenüber ihrem Arbeitgeber zu vertreten. Es werden also Forderungen gestellt, die die Arbeitsbedingungen und das Gehalt der Beschäftigten verbessern und damit ihren Lebensstandard und den ihrer Familien erhöhen. Wenn der Arbeitgeber, also die DB, aus Profitinteresse die Arbeitsbedingungen verschlechtert, indem er zum Beispiel die Arbeitszeiten verlängert oder weniger Geld zahlt, dann hält die GdL dagegen. Aktuell fordert die GdL in erster Linie 5% mehr Gehalt und zwei Stunden weniger Arbeitszeit für die Beschäftigten, die aktuell 39 Stunden die Woche arbeiten. Dabei muss beachtet werden, dass diese Forderungen nur den Einstieg in einer Verhandlungen mit dem Arbeitgeber, also der DB, darstellen. Bei diesen sogenannten Tarifverhandlungen starten die Gewerkschaft und der Arbeitgeber jeweils mit ihren Vorschlägen, bis irgendwo ein Kompromiss gefunden wird. Wie dieser Kompromiss dann tatsächlich aussieht, ist von der Verhandlungsstärke der Tarifparteien GdL und DB abhängig. Die Verhandlungsstäke der Beschäftigten zeigt sich darin, wie lange und konsequent sie dazu in der Lage sind, das Unternehmen zu bestreiken, es also unter Druck zu setzen. Würde die GdL darauf verzichten, würden sich die Arbeitsbedingungen und das Gehalt der Mitarbeiter*innen der DB ins Bodenlose verschlechtern, weil die DB als Unternehmen immer das Hauptinteresse verfolgt, soviel Profit wie möglich zu machen – auch auf Kosten der Beschäftigten. Wie schlimm das werden kann, sieht man an Unternehmen, in denen es keine gewerkschaftlichen Strukturen gibt.

„Der Streik nervt! Ich muss Bahn fahren!“
Das denken sich viele, wie überall in den Medien zu lesen und zu hören ist. Ist das gerechtfertigt? Ja, klar! Viele Menschen sind täglich, egal aus welchem Grund, auf Mobilität mit dem Zug angewiesen. Allerdings ziehen viele Menschen den Schluss daraus, man könne allein die GdL für das Ausfallen der Züge verantwortlich machen und nenne den Streik „dreist“: „Eine so kleine Anzahl an Personen darf nicht das ganze Land lahmlegen“, „Die verdienen ja sowieso genug“, „Lokomotivführer haben keinen anstrengenden Job“ liest man bei Facebook. Tatsächlich geht es aber hier nicht um die Frage, ob der Job anstrengend ist oder nicht (was die meisten Menschen ohnehin nicht einschätzen können). Es geht vielmehr um eine notwendige Maßnahme, die DB davon abzuhalten, ihre Beschäftigten noch weiter auszubeuten und sie und ihre Familien aus Profitgier um Geld und Lebensqualität zu betrügen. Natürlich nervt es, wenn die Bahnen nicht fahren. Aber die angestaute Wut der DB-Fahrgäste, die fälschlicherweise der GdL gegenüber geäußert wird, sollte eigentlich die Deutsche Bahn betreffen, weil es eben die Deutsche Bahn ist, die die Beschäftigten zum Streik zwingt. Diese gießt gleichzeitig Öl ins Feuer: der DB-Konzern hat zwar jährlich Milliardengewinne zu verzeichnen und ist durchaus in der Lage, die Forderungen der GdL problemlos voll zu erfüllen. Stattdessen hetzt die DB-Konzernspitze gegen den GdL-Chef Weselsky und sagt ihm nach, er sei „größenwahnsinnig“ und wolle seine persönliche Macht vergrößern. Klar ist aber: wenn Weselsky alleine streikt, interessiert das niemanden. Ein Streik gewinnt dann an Kraft, wenn alle Beteiligten mitmachen. Also ist es eine Entscheidung der Beschäftigten selbst, die erkannt haben, dass sie etwas tun müssen, weil sich sonst nichts verändert.

Und zum Schluss: ein Ratschlag
Die GdL wird von allen Seiten ins Kreuzfeuer genommen. Aber: ohne Zugpersonal, keine Züge. Diesen Umstand nutzt die GdL aus, um ihren Arbeitskampf zu führen. Wie kann man sich als außenstehende Person nun zum Streik Verhalten? Erst einmal: die Notwendigkeit des Streiks anerkennen. Diejenigen, die dem Deutsche-Bahn-Konzern zu seinem Erfolg verhelfen, sind die Mitarbeiter*innen, die aber kaum etwas davon abbekommen und künftig noch weniger bekommen sollen! Es ist damit zu rechnen, dass Streiks der GdL in Zukunft zunehmen, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden – und das ist gut, denn sie sind berechtigt. Anstatt die GdL zu verurteilen, ist es notwendig, die wahren Schuldigen am Streik anzuklagen, nämlich die Konzernspitze der Deutschen Bahn. Aber auch die Gesellschaft in den (sozialen) Medien, die sich über die GdL beschwert. Würde die Bevölkerung den Beschäftigten der DB nicht in den Rücken fallen, sondern sie stärken, könnte sich die Gewerkschaft besser gegen den Arbeitgeber durchsetzen. Die größte Schwierigkeit der GdL ist momentan der geringe Rückhalt in der Bevölkerung und genau dies wird vom DB-Konzern ausgenutzt, um öffentlich gegen die eigenen Beschäftigten zu hetzen.
In ein paar Tagen, Wochen und Monaten ist es aber nicht mehr die Deutsche Bahn, die ihre Beschäftigten unter Druck setzt – dann werden es die Metall- und Elektrokonzerne sein, die Dienstleistungsbetriebe – und vielleicht auch dein Arbeitgeber. Wenn ihr dann mit dem Streiken an der Reihe seid, werden sich die Kolleginnen und Kollegen der GdL daran erinnern, wer sich heute solidarisch gezeigt hat. Der Angriff der Arbeitgeber – des Kapitals – ist immer ein Angriff auf uns alle. Aber der Angriff bleibt nicht ohne unsere gemeinsame Antwort!

Quelle: SDAJ Köln